Edition Svâdhyâya

 

Die Edition Svâdhyâya setzt sich die Publikation qualitativ hochstehender Yoga-Fachliteratur zum Ziel. Erstes Projekt ist die Übersetzung ausgewählter Ausgaben der Revue Française de Yoga ins Deutsche. Zur Zeit läuft die Subskription für die erste deutsche Ausgabe mit dem Titel "Loslassen".

Seit 20 Jahren beschäftigt sich die Revue Française de Yoga, die Fachpublikation des Französischen Yogalehrerverbandes FNEY, zweimal jährlich mit verschiedensten Aspekten des Yoga. Mit mittlerweile fast 40 Bänden ist mit der Zeit eine eigentliche Enzyklopädie des Yoga herangewachsen.

Jedes Jahr erscheinen ein praxisbezogener und ein weiterer Band, der sich mit weitergefassten Themen rund um den Yoga befasst. So etwa die Bände „Der Sinn des Lebens“ oder „Vermittler zwischen Indien und Europa“. Die Revue Française de Yoga wird bereits auf Italienisch und Spanisch übersetzt.

Die Edition Svâdhyâya setzt es sich zum Ziel in erster Linie die praxisbezogenen Nummern der Revue Française de Yoga dem deutschsprachigen Yogapublikum zugänglich zu machen.

Als erste Nummer auf Deutsch ist der Band 34 zum Thema Loslassen erschienen. Mit einem charakteristisch breiten kulturellen Horizont beleuchtet dieser auf rund 200 Seiten das Thema aus verschiedenen Perspektiven. Konkrete Beiträge zur Yogapraxis ergänzen sich mit Darstellungen zur Sicht des kaschmirischen Shivaismus, der Mystik Meister Eckharts, der grossen spirituellen Tradition des Islam und der Psychologie C.G. Jungs. Weitere Informationen zu diesem Buch finden Sie weiter unten.

Erhältlich im Buchhandel unter ISBN 978-3-9523470-0-3




Interview mit Ysé Tardan-Masquelier


Ysé Tardan-Masquelier hat als langjährige Chefredaktorin die Revue Française de Yoga massgeblich geprägt.

Sie ist Religionswissenschaftlerin und unterrichtet an der Sorbonne, am Institut Catholique und am Institut des Langues Orientales in Paris. Zugleich ist sie Leiterin der grossen Pariser Yogalehrer-Ausbildungsschule Ecole Française de Yoga. Von 1981 bis 1992 war sie Präsidentin des Yogalehrerverbandes Fédération Nationale des Enseignants de Yoga (FNEY). Sie ist Autorin oder Herausgeberin zahlreicher Bücher, darunter Le Livre des Sagesses (Bayard, 2002) und L’Esprit du Yoga (Albin Michel, 2005).


Was waren die Ziele, als ihr bei der FNEY vor zwanzig Jahren die Revue Française de Yoga ins Leben gerufen habt?

Die Revue Française gab es schon vorher in Form einer dünnen, vierteljährlichen Zeitschrift, die von François Roux und Jean Varenne gegründet worden war. Zu Beginn war sie ein Erfolg, dann ist das Interesse zurückgegangen. Sie stand zu sehr in Konkurrenz zu den Carnets de Yoga, einer anderen Publikation der FNEY. Als Präsidentin des Verbandes habe ich gegen 1989 begonnen, mich verstärkt um die Revue Française zu kümmern. Ich wollte, dass sie sich stärker von den Carnets abhebt. In einer Arbeitsgruppe ist uns die Idee einer Revue in Buchform gekommen, die zwei Mal jährlich erscheinen sollte: Im Januar eine eher theoretische, einem philosophischen Thema gewidmete Nummer, und im Sommer eine auf die Praxis fokussierte. 1990 haben wir mit dieser Formel begonnen, mittlerweile sind wir bei Nummer 38.

Die Revue Française bildet mittlerweile eine Art Enzyklopädie des Yoga...

Diese Idee ist dann im Laufe der Zeit entstanden. Es gibt aber noch eine andere Besonderheit: Immer sind unterschiedliche Sichtweisen vertreten. Ich war Präsidentin der FNEY von 1981 bis 1992. Als ich 1981 mein Amt antrat, dachte man stark in Kategorien von Traditionslinien und es gab gegenseitige Intoleranz. Die Revue Française de Yoga hat stark geholfen, diese Situation zu verbessern. Für die erste praktische Nummer über Umkehrstellungen habe ich alle Linien um einen Beitrag gebeten. Das gab einen Eindruck von der Komplexität der Interpretationen, von der Unterschiedlichkeit der Unterrichtsformen. Und noch etwas ist wichtig: In den praktischen Nummern finden sich Artikel von Spezialisten in Anatomie und Psychologie, die wissenschaftliche Gesichtspunkte einbringen. Es schreiben immer Yoga-Fachpersonen, aber auch solche anderer Disziplinen.

Die Revue Française als Austauschforum...

Sie ist mehr als ein Forum. Sie ist ein Begegnungsort der Forschung. Sie ist literarischer. Sie ist redigiert.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Was die praktischen Nummern betrifft: Da haben wir eine Ausgabe zu allen grossen Familien von Stellungen gemacht. Es kam der Moment, als es galt, mit praktischen Themen weiterzumachen, aber anders. Es folgten Nummern zu Prânâyâma, zu Mûdrâ-s und Bandha-s, zu den Themen Loslassen und Schweigen. Das ist immer noch praktisch. Nun wird’s schwieriger. Es geht um Synthesen und weitere Forschungen. Wir haben zu den Themen Yoga mit Kindern und Yoga im Alter Arbeitsgruppen gebildet, deren Resultate in zwei bis drei Jahren veröffentlicht werden sollten. Wir möchten eine Nummer über den Aufbau von Lektionen machen. Es sind noch viele Ideen im Raum. Es gibt eine Entwicklung: Das heutige Yogaverständnis in Europa ist nicht dasselbe wie vor zwanzig Jahren. Ich mache mir keine Sorgen.

In welcher Richtung siehst du diese Entwicklung?

Mit der Entwicklung der Kenntnisse über Indien, über die man in Europa verfügt, könnte man Yoga im Kontext seiner ursprünglichen Kultur besser erforschen. Die spirituelle Dimension ist in jeder Nummer präsent. Aber man könnte sie noch ernster nehmen. Was ist Befreiung? Kann das an unseren westlichen Kontext adaptiert werden? Das sind Fragen, die nicht wirklich untersucht sind und die es verdienen würden, untersucht zu werden.

(Interview geführt von Martin Merz im Januar 2008 in Paris)



Rezension von Janet Zimmermann

Janet Zimmermann ist Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Yoga Schweiz

Loslassen
Revue Française de Yoga, deutsche Ausgabe
Ins Deutsche übersetzt von Martin Merz
Edition Svâdhyâya, Zürich, 2009

Im Buch findest du eine grosse Sammlung von Texten und Praktiken von verschiedenen Autoren, die alle in der Yogalehrerausbildung tätig sind. Das übergreifende Thema ist immer das Loslassen, das Finden des Gleichgewichts zwischen "Lassen" und "Wollen" oder wie im Text beschrieben: 'es geht ... um eine enge Wechselbeziehung, die dem subtilen Fortschreiten vom Loslassen zur Hingabe zugrunde liegt'. Du findest neben vielen praktischen Anleitungen über Asanas, Atemtechniken und Energielenkung auch Beiträge zu Texten über die Hingabe bei den tantrischen Shivaiten Kashmirs, über die Gelassenheit bei Meister Eckhart oder über das Loslassen und ethische Verantwortung bei C.G. Jung.

Als kleines Beispiel folgen Zusammenfassungen der ersten 5 Texte:

Zu Beginn listet eine detaillierte Studie der aktuellen Kenntnisse und Hypothesen über Stress all die Störungen auf, denen unser Körper und Geist ausgesetzt ist. Loredana Hamoniaux zeigt die ganze Wirksamkeit des Yoga auf. Zum Schluss
stellt die Verfasserin die biologische Theorie und den Yoga in einer Tabelle einander gegenüber.
Andrée Maman zeigt dann verschiedene praktische Übungen auf, um das Loslassen als Grundlage jeglicher Stellung zu erfahren. Sie beschreibt sehr deutlich, wie hilfreich die innere Einstellung ist. Zitat: 'Halten wir abschliessend fest, dass der Yoga eine Philosophie ist, die den Körper und den Atem als leicht zugängliche Mittel nutzt, um uns begreifen zu helfen, wer wir wirklich sind'.
Marie-Christine Leccia spricht über die notwendigen Übergänge von Alltag - Praxis – spirituellem Weg der Befreiung und fragt sich, ob wir noch in der Lage sind, die yogische Disziplin in ihrem äusseren und inneren Sinn wahrnehmen und verstehen zu können.
Patrick Tomatis erklärt anhand des Yoga-Sutra die Begriffe Persönlichkeit und Individuum und verbindet Atmung mit der Entwicklung der Persönlichkeit. Er gibt eine genaue Beschreibung der Einatmung und viele gut beschriebene Beispiele von Asanas. In einer übersichtlichen Liste sind die genauen Muskelbewegungen der Einatmung aufgelistet.
Jean-Pierre Laffez und Gianna Dupont erklären viele praktische Übungen wie Vorbereitungen und die 18 Bewegungen des Naropa nach Roger Clerc.

Martin Merz hat das interessante, von Ysé Tardan-Masquelier herausgegebene Buch ins Deutsche übersetzt und wird es im Eigenverlag herausgeben. Ich habe die Texte gerne gelesen. Die Sprache ist fliessend und leicht verständlich, die Zeichnungen sind deutlich und die Anleitungen nachvollziehbar. Die Vielfalt, mit der ein so wichtiges Thema wie Loslassen angegangen wird, finde ich grossartig. Vielleicht sind die letzten theoretischen Abhandlungen etwas anspruchsvoll und brauchen mehr Geduld beim Lesen.

Ich kann dieses von Martin Merz hervorragend übersetzte Buch nur empfehlen.




Auszug aus einem der Artikel:

Aus „Auf dem Boden ausgestreckt wie eine Leiche...“ von Marie-Christine Leccia


Einer grossen Mehrheit ist Yoga in Form von Hatha-yoga bekannt. Meistens wird dieser als körperliche Übung mit psychologischen Wirkungen und positiven Effekten für die Gesundheit präsentiert und unterrichtet, wobei das eigentliche Ziel der Arbeit mit den Stellungen verwischt wird.

Und das gerade in unserer Zeit, in der „in allen Bereichen des sozialen Lebens der Körper immer mehr zum Objekt, zum Zentrum technologischer oder ideologischer Überlegungen wird. Ob in der Produktion, im Konsum, in der Freizeit, im Theater, in der Werbung, usw., der Körper ist zu einem Objekt der Behandlung, der Manipulation, der Inszenierung, der Ausbeutung geworden. Eine ganze Serie sozialer und politischer Interessen in der derzeitigen „technologischen Kultur“ konzentriert sich auf den Körper. (...) Indem sie so die Illusion schafft, den Körper für die Abstumpfung und die Verschmutzung der urbanen und technologischen Kultur zu entschädigen, hat die Ausbreitung der Freizeitmöglichkeiten dazu beigetragen, ein mythisches Bild eines harmonischen, freien, gesunden und schönen Körpers zu schmieden. Mit anderen Worten, die Freizeitgesellschaft hat einen kompletten „Humanismus des Körpers“ geschaffen.“ (Michel Bernard: Le corps. Paris: Seuil, 1995. S. 13.)

Der Yoga ist massiv von dieser Ideologie in Beschlag genommen worden, die den Körper auf ein Objekt der Konsumsteigerung und der Schmeichelei beschränkt. Ein seines Sinns entleerter hatha-yoga, der nur noch aus den Techniken der Stellungen und des Atmens besteht, kann genauso gut in den Dienst der Leistung gestellt werden, welche in dieser Gesellschaft der Zurschaustellung den Menschen seiner Mitte entfremdet, da Schein und Sein hier unvereinbar sind. Es geht dann einzig noch um Kriterien der Ästhetik der Körper. Alle Spuren der Existenz sind auszuradieren. Der Körper muss faltenfrei, sprich jung, sein, da ein gealterter, runzliger Körper den Misserfolg einer Gesellschaft, die vom ewigen Genuss der Welt träumt, herausstreicht. Der Yogi weiss im Gegensatz dazu, dass die Welt eine Quelle des Leidens und ihre Reize eine Falle sind: Jede Verführung birgt in sich eine unabänderliche Desillusionierung. Alles, was entsteht, birgt in sich sein eigenes Ende und im Vergehen die Anfänge der Trennung.

Nicht um der Moral willen pflegt der Yogi die geistige Entäusserung. Er weiss, dass sie der Preis der Befreiung ist, und dass man vor der Wahl steht, Energie zur Verteidigung sichtbarer Güter zu brauchen oder für die Suche nach etwas Unsichtbarem, das einem niemand rauben kann, das sich aber nur um den Preis der Entsagung offenbart.

Wie ist es möglich, dass der Yoga für Ziele eingesetzt wird, die seinen Absichten diametral entgegenstehen? Zweifelsohne indem er in Form isolierter Einzelteile unterrichtet wird. Auf diese Weise kann er in jedwelches Unterfangen einfliessen. In dem Moment, wo das Ganze aus den Augen gelassen wird, entstehen die Risiken von Vereinnahmung und Widersinn. So erklärt es sich, dass im hatha-yoga-Unterricht die Arbeit des Körpers zum Ziel wird, anstatt zum Mittel.

Das heisst vergessen, dass die Stille angestrebt wird. Damit der Geist zur Ruhe kommt, braucht es zuerst die Stille und Unbewegtheit des Körpers. Das ist der ganze Sinn der Arbeit mit den Stellungen.

Es geht nicht mehr darum, den Körper in den Vordergrund zu stellen, sondern ganz im Gegenteil ihn nach und nach zurücktreten zu lassen. Indem man sich von der Form distanziert, hat man die Möglichkeit in das „Formlose“ einzutauchen, denn „das Denken des Körpers ist mit dem Denken des individuellen Ich (jîva) verbunden; die Seinsweise des individuellen Ich hängt mit dem Denken des Körpers zusammen; der Zustand des individuellen Ich (jîva) ist ein Zustand der Trennung, wie der in einem Topf [eingeschlossene] Raum vom grossen Raum [getrennt ist].“ Wenn man „dieses Denken des Körpers“ hingibt, „dann hört jegliche Identifikation mit dem Körper auf.“ (Upanishad du renoncement (Samnyâsa-Upanishad), ins Französische übersetzt, eingeleitet und annotiert von Alyette Degrâces-Fahd, édition Fayard, L’espace intérieur, 1989. S. 307.)